Verdrängung und Trennung – Warum wir bleiben, obwohl es uns nicht guttut

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Viele Trennungen beginnen lange vor dem eigentlichen Abschied. Sie beginnen mit Zweifeln, die wir nicht zulassen, und mit einer Verdrängung, die uns vor Schmerz schützt – und uns zugleich in Beziehungen hält, die sich innerlich längst leer anfühlen.

Wir erklären, relativieren, hoffen weiter und bleiben handlungsfähig, obwohl sich innerlich bereits Distanz aufgebaut hat.

 

Pias Geschichte zeigt, wie dieser Schutzmechanismus wirkt, warum Verdrängung kurzfristig stabilisiert und weshalb eine Trennung oft erst dann möglich wird, wenn ein Kipppunkt erreicht ist – jener Moment, in dem das Wegsehen mehr Kraft kostet als das Hinschauen.

 

Trennung und Verdrängung in Beziehungen – ein stiller Anfang

Die meisten Trennungen beginnen nicht mit einer Eskalation. Sie beginnen früher – mit inneren Zweifeln, die wir nicht wahrhaben wollen. Mit einem Unbehagen, das kommt und geht. Wir erklären und beruhigen uns, wir sagen uns, dass alles noch im grünen Bereich ist, dass wir nur eine schlechte Beziehungsphase haben. Und nein, wir belügen uns nicht, wir verdrängen nur. Wir blenden etwas aus, weil wir mit den Konsequenzen dieser Zweifel im Moment noch nicht leben könnten. Verdrängung ist oft der wahre Grund, warum wir bleiben, obwohl wir längst spüren, dass etwas nicht mehr stimmt.

Verdrängung – die Ruhe vor dem Sturm

So war es auch bei meiner Klientin Pia. Nach außen wirkte ihre Beziehung mit Robert stabil. Sie waren seit vielen Jahren ein Paar, hatten einen gemeinsamen Freundeskreis, gemeinsame Hobbys. Es gab keinen offenen Streit, und doch spürte Pia immer häufiger eine innere Anspannung. Gespräche verliefen korrekt, aber ohne Tiefe und Anteilnahme. Nähe war scheinbar da, aber sie fühlte sich leer an.

 

„Natürlich habe ich bemerkt, das sich etwas verändert hat“, sagte Pia. „Aber ich habe sofort versucht, es mir zu erklären.“ Stress. Eine Phase. Der Alltag. Langjährige Beziehungen sind nun einmal nicht mehr wie am Anfang. All das klang vernünftig und nachvollziehbar. 

 

Klingt reflektiert, war im Nachhinein Verdrängung. Es war keine bewusste Entscheidung von Pia, kein aktiver Akt des Wegschiebens. Zu dem Zeitpunkt war es ein innerer Prozess, ein Schutz vor etwas, das sich zu groß anfühlte, um es zu zuzulassen.

Wann uns Verdrängung guttut

Verdrängung gehört zu den ältesten beschriebenen psychischen Schutzmechanismen. Schon Sigmund Freud beschrieb sie als Fähigkeit des Ichs, Gedanken, Gefühle und Impulse aus dem bewussten Erleben fernzuhalten, wenn sie zu schmerzhaft oder bedrohlich sind.

Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Verdrängung ein gesunder Abwehrmechanismus ist, den jeder von Zeit zu Zeit nutzt. Verdrängung kann in manchen Phasen unseres Lebens durchaus sinnvoll sein. Sie hilft uns, handlungsfähig zu bleiben, wenn uns die volle Wahrheit überfordern würde.

 

Auch Pia brauchte diesen Schutz. Denn hätte sie sich frühzeitig eingestanden, dass ihre Beziehung zu Robert nicht mehr stimmig war, hätte das Fragen nach sich gezogen, auf die sie zu dem Zeitpunkt keine Antworten hatte. Fragen nach einer möglichen Trennung, nach dem Alleinsein. Nach dem Verlust von Sicherheit, Zugehörigkeit und gemeinsamen Zukunftsbildern.

Verdrängung sorgt für Unschärfe im Erleben

Pia machte einfach weiter. Sie arbeitete viel, traf Freundinnen, füllte ihre Wochenenden akribisch. Aufkommende Zweifel verdrängte sie. Sie sagte sich, dass sie überempfindlich sei, dass andere es doch auch schafften, dass sie dankbar sein müsse für das, was sie hatte. Verdrängung wirkt auf zunächst angenehme Unschärfe in unserem Erleben. 

 

Psychologisch betrachtet ist das ein bekanntes Muster. Ich kann es in meiner Praxis oft beobachten: Menschen neigen dazu, kurzfristig emotionalen Schmerz zu vermeiden, selbst wenn sie dafür langfristig einen hohen Preis zahlen. Studien zeigen, dass das bewusste Ignorieren von ungeklärten Themen kurzfristig entlastend und stressreduzierend wirken kann.

 

Das Problem liegt also nicht im Verdrängen an sich, sondern darin, wie lange wir daran festhalten. Wenn wir zulange in diesem Zustand stagnieren, kommt es oft zu körperlichen Reaktionen – und zwar lange bevor wir bereit sind, die eigentliche Wahrheit zu akzeptieren. 

Und irgendwann meldete sich auch Pias Körper. Sie schlief schlechter, wachte häufig in den frühen Morgenstunden mit einem diffusen Druck in der Brust auf. Sie war schneller gereizt, dünnhäutiger. Dinge, die ihr früher Freude gemacht hatten, ließen sie kalt. Im Coaching beschriebe Pia es so: „Ich fühle mich erschöpft und auf eine gewisse Weise hoffnungslos.“ 

Der „Kipppunkt“ – das Moment, der alles verändert

Der Moment, der Pias Verdrängung ins Wanken brachte, war von außen betrachtet unspektakulär. Bei einem gemeinsamen Abendessen erzählte sie Robert von einer Konfliktsituation mit ihrer Chefin, die sie stark belastete. Robert hörte ihr teilnahmslos zu. Dann griff er - wie so oft - wortlos nach seinem Handy und fing an, seine Nachrichten zu checken.

 

„In diesem Moment wurde mir klar, dass wir uns längst verloren hatten“, sagte Pia. „Und dass ich mich selbst auch verloren habe, indem ich so lange weggesehen habe.“

In der Psychologie spricht man von einem Kipppunkt. Ein scheinbar banales Ereignis verschiebt unsere Sicht auf die Dinge. Auf einmal verliert die Verdrängung ihre Schutzfunktion, die Realität zeigt sich unverhohlen. Pia hat es treffend beschrieben: „Es war, als hätte jemand einen Schleier weggezogen. Alles wurde deutlicher, konturierter – aber auch erbarmungsloser.“ 

Vor der Trennung setzen Prozesse der Verleugnung und Verdrängung ein

Und doch: Erkenntnis und Handlung sind zwei unterschiedliche Prozesse. Pia blieb noch einige Monate bei Robert. Nicht aus Feigheit, sondern aus Ambivalenz. Denn auch das gehört zur Realität vieler Trennungsprozesse: Wir wissen oft lange, dass etwas nicht stimmt, bevor wir bereit sind, daraus die Konsequenzen zu ziehen und vor allem mit ihnen zu leben. Beziehungen lösen sich nicht auf Knopfdruck. Und Hoffnung stirbt langsam.

 

Viele Menschen bleiben nicht wegen hoher Zufriedenheit in der Beziehung, sondern wegen der wahrgenommenen Kosten einer Trennung. Das ist einer der zentralen Gründe, warum lange vor einer tatsächlichen Trennung Prozesse der Verleugnung und Verdrängung einsetzen. Konflikte werden relativiert, Warnsignale ignoriert, positive Erinnerungen überbetont.

 

Dieses Verhalten stabilisiert übrigens auch kurzfristig den Selbstwert. Es verhindert, dass wir uns als gescheitert erleben oder uns eingestehen müssen, dass eine grundlegende Entscheidung ansteht. Und das kann in bestimmten Phasen unseres Lebens wirklich hilfreich sein. Verdrängung an sich ist kein Fehler, aber sie ist kein Ort, an dem wir nicht dauerhaft leben können. Sie ist eher ein temporärer „Schutzraum“. 

Trennung ist ein Entwicklungsprozess

Der entscheidende Moment kam für Pia, als sie innerlich registrierte, dass das Bleiben sie mehr Kraft kostete als alle andere. „Das war der Punkt, wo ich gehen konnte, nein, gehen musste. Auf einmal gab es keine Alternative mehr,“ erzählte Pia.

 

Die Trennung selbst verlief ruhig, ohne große Vorwürfe. Aber da war auch viel Traurigkeit, Sprachlosigkeit, Schweigen. Und doch war etwas anders als zuvor. Pia fühlte sich innerlich nicht mehr gespalten. Der Schmerz war da, aber er fühlte sich doch stimmiger an. Das Erleben passte wieder zur Handlung. Pia musste nichts mehr wegschieben.

 

Die Forschung zur Resilienz nach Trennungen zeigt, dass genau hier persönliches Entwicklungspotenzial liegt. Menschen, die Schmerz nicht verdrängen, sondern integrieren, entwickeln langfristig ein stärkeres Gefühl von Selbstwirksamkeit. Sie erleben sich als handlungsfähig. Als jemand, der eine schwierige Entscheidung treffen und tragen kann.

 

Pia erlebte genau das. Nach der Trennung von Robert begann sie Dinge zu tun, die lange keinen Platz in ihrem Leben hatten. Sie verbrachte viel Zeit allein, ohne sie sofort zu füllen. Sie reiste, dachte nach. Und sie merkte nach einiger Zeit, dass sich unter dem Trennungsschmerz etwas Neues zeigte: Selbstrespekt und Selbstachtung. 



Die Herzkümmerei in der Presse

Dieser Artikel erschien im Hamburger Abendblatt unter dem Titel  "Warum wir bleiben, obwohl wir innerlich schon längst gegangen sind“. Der Beitrag erreichte dort innerhalb von zwei Wochen über 30.000 Klicks.

 

Im Online-Magazin Frauenboulevard habe ich einen Gastbeitrag zum Thema unter dem Titel Warum fällt eine Trennung so schwer?  veröffentlicht. 

 

👉  Frau von Heute (Print)

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Wann ist es Zeit für eine Trennung? Wenn Bleiben mehr schmerzt als Gehen
In diesem Artikel erkläre ich, warum wir in Beziehungen bleiben, obwohl etwas fehlt - und dass Verdrängung uns nur begrenzt schützen kann.
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die Herzkümmerei hören: Den Podcast zum Thema findest du hier


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